Dosieren mit dem Cobot: Kleben, Dichten und Vergießen automatisieren

Kleben, Dichten und Vergießen entscheiden über Dichtheit, Festigkeit und Optik eines Produkts. Von Hand gezogene Raupen schwanken aber mit der Tagesform. Ein Cobot mit Dosiersystem trägt jede Raupe gleich auf. Hier lesen Sie, welche Anwendungen passen, welche Dosiertechnik es braucht, was die Zelle kostet und wann sie sich rechnet.

In immer mehr Produkten ersetzt Kleben das Schrauben und Schweißen: Gehäuse werden vergossen statt verschraubt, Dichtungen direkt aufgetragen statt eingelegt. Gleichzeitig ist der Handauftrag mit Kartuschenpistole einer der fehleranfälligsten Arbeitsschritte überhaupt: zu viel Material kostet Geld, zu wenig kostet Dichtheit. Genau deshalb gehört das Dosieren zu den Cobot-Anwendungen mit dem am leichtesten messbaren Nutzen.

Warum Dosieren ein Bahnprozess ist

Beim Pick-and-Place zählt nur der Zielpunkt. Beim Dosieren zählt die gesamte Bahn: Die Raupenbreite ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Fördermenge und Geschwindigkeit der Düse über dem Bauteil. Wird der Roboter in einer Kurve langsamer, ohne dass die Fördermenge mitgeregelt wird, entsteht dort eine dicke Wulst. Beschleunigt er auf der Geraden, wird die Raupe dünn oder reißt ab.

Cobots spielen hier eine Stärke aus: Sie fahren geteachte Bahnen mit konstanter, definierter Geschwindigkeit ab, und moderne Dosiersteuerungen synchronisieren Ventil und Fördermenge mit der Roboterbewegung. Punktgenaues Öffnen und Schließen des Ventils am Bahnanfang und Bahnende verhindert Nasen und Fäden. Das Ergebnis ist eine Raupe, die auf jedem Teil gleich aussieht, in der ersten Stunde der Schicht genauso wie in der achten.

Kern in einem Satz: Beim automatisierten Dosieren kauft man nicht den Roboter, sondern die Reproduzierbarkeit: konstante Raupe, konstanter Verbrauch, konstante Qualität, unabhängig von Tagesform und Schicht.

Diese Anwendungen passen

Das Spektrum reicht vom Klecks bis zur umlaufenden Dichtung:

Typische Branchen sind Elektronikfertigung und EMS, Automobil- und Maschinenbau-Zulieferer, Gehäuse- und Gerätebau, Fenster- und Holzverarbeitung sowie die Medizintechnik. Einen Überblick über die Vermittlung passender Integratoren gibt unsere Seite Dosieren & Kleben.

Die Dosiertechnik entscheidet, nicht der Roboter

Der häufigste Planungsfehler: Erst wird der Cobot gekauft, dann über das Medium nachgedacht. Richtig ist die umgekehrte Reihenfolge, denn Viskosität, Topfzeit und Füllstoffe des Mediums bestimmen das Dosiersystem, und das Dosiersystem prägt Kosten und Prozessfenster:

DosierprinzipStärkePasst gut für
Zeit-Druck-VentilEinfach und günstigNiederviskose, stabile Medien, Punkte und einfache Raupen, geringere Genauigkeitsanforderung.
ExzenterschneckenpumpeVolumetrisch, pulsationsfreiKonstante Raupen auch bei schwankender Viskosität, scherempfindliche und gefüllte Medien.
KolbendosiererHöchste Wiederholgenauigkeit pro SchussExakte Füllmengen, Verguss, 2K-Anwendungen mit definiertem Mischungsverhältnis.
Jet-VentilBerührungslos und schnellKleinstmengen und hohe Taktraten, etwa in der Elektronikfertigung.

Bei 2K-Medien kommen ein Mischsystem und die Topfzeit-Logik dazu: Steht die Anlage länger als die Topfzeit, muss gespült oder der Mischer getauscht werden. Das gehört von Anfang an ins Konzept, sonst frisst die Reinigung die Taktzeitgewinne wieder auf.

Cobot, Dosierautomat oder Handauftrag

Gegen den Handauftrag spricht die Streuung: Raupenbreite, Anpressdruck und Geschwindigkeit schwanken von Person zu Person und über die Schicht. Beim Kleben und Dichten heißt Streuung entweder Materialverschwendung oder Undichtigkeit, und beides kostet. Ab wiederkehrenden Serien ist der Roboter schnell überlegen.

Gegen den klassischen Dosierautomaten (Portalsystem) punktet der Cobot bei wechselnden Produkten, 3D-Konturen und begrenztem Platz: Er erreicht Bauteilflächen aus mehreren Richtungen, lässt sich per Handführung oder grafisch teachen und je nach Risikobeurteilung ohne trennenden Schutzzaun betreiben. Portalsysteme bleiben die bessere Wahl bei sehr hohen Taktraten und reinen 2D-Aufgaben in Großserie.

Merksatz

Der Cobot gewinnt bei Produktvielfalt und 3D-Bahnen, das Portal bei Großserie in der Ebene, der Mensch nur noch beim Einzelstück. Die Dosiertechnik wird vor dem Roboter ausgewählt, nicht danach.

Was eine Dosierzelle wirklich kostet

Wie bei jeder Cobot-Zelle ist der Arm nur ein Teil der Rechnung. Eine realistische Größenordnung für eine schlüsselfertige Zelle im Mittelstand:

PositionGrößenordnung
Cobot-Arm (je nach Reichweite und Traglast)25.000 bis 45.000 Euro
Dosiersystem (Ventil, Pumpe, Steuerung, bei 2K mit Mischer)10.000 bis 40.000 Euro
Materialversorgung (Fass- oder Kartuschenförderung, Schläuche)3.000 bis 15.000 Euro
Vorrichtung, Spannmittel, Zuführung5.000 bis 20.000 Euro
Optional: Vision oder Lasersensor für Bahnkorrektur5.000 bis 15.000 Euro
Integration, Programmierung, Prozessversuche, Abnahme15.000 bis 30.000 Euro

In Summe landen die meisten Zellen zwischen 60.000 und 130.000 Euro. 1K-Anwendungen mit stabilem Medium liegen am unteren Ende, 2K-Verguss mit Vision am oberen. Bei lösemittelhaltigen Medien kommen Absaugung und gegebenenfalls Ex-Schutz dazu. Wichtig sind außerdem die Prozessversuche beim Integrator: Klebstoff, Untergrund und Dosiertechnik müssen als System getestet werden, bevor die Zelle bestellt wird.

Wann sich die Investition rechnet

Das Dosieren hat gegenüber vielen anderen Anwendungen einen Vorteil: Der Nutzen lässt sich in drei Positionen direkt messen. Erstens der Materialverbrauch: Eine konstante Raupe ohne Sicherheitszuschlag spart gegenüber dem großzügigen Handauftrag in der Praxis oft einen zweistelligen Prozentsatz an Klebstoff oder Dichtmittel, und Industrieklebstoffe sind teuer. Zweitens Nacharbeit und Ausschuss: Lücken in der Dichtraupe fallen oft erst in der Prüfung oder beim Kunden auf, jede vermiedene Reklamation zahlt direkt ein. Drittens die Personalzeit: Wer bisher Raupen zieht, kann rüsten, prüfen oder montieren.

Als Faustregel gilt: Bei wiederkehrenden Serien im Ein- bis Zweischichtbetrieb liegt die Amortisation häufig bei zwei bis vier Jahren, bei hohem Materialverbrauch auch darunter. Rechnen Sie ehrlich über die Nutzungsdauer und nehmen Sie die Materialeinsparung mit in die Rechnung, sie wird am häufigsten vergessen.

Typische Stolpersteine

Förderung: Antrag vor Maßnahmenbeginn

Die früheren Direktzuschüsse Digital Jetzt und go-digital sind Ende 2024 ausgelaufen. Aktuell relevant sind vor allem der KfW ERP-Förderkredit für Digitalisierung und Automatisierung (zinsgünstiges Darlehen, teils mit Tilgungszuschuss) und die BAFA-Beratungsförderung, die die Konzept- und Planungsphase bezuschusst und noch bis Ende 2026 läuft. Dazu kommen je nach Standort einzelne Länderprogramme. Für alle gilt: Der Antrag muss vor Maßnahmenbeginn gestellt werden. Details und aktuelle Konditionen haben wir im Förder-Überblick 2026 zusammengestellt.

Fazit

Automatisiertes Dosieren ist einer der Cobot-Anwendungsfälle mit dem klarsten Business Case: Materialeinsparung, weniger Nacharbeit und konstante Qualität lassen sich direkt beziffern. Der Erfolg entscheidet sich aber nicht am Roboter, sondern am Dosiersystem und an ehrlichen Prozessversuchen mit dem eigenen Medium und den eigenen Bauteilen. Wer die Dosiertechnik zuerst auswählt, Topfzeit und Toleranzen ernst nimmt und mit einem Integrator arbeitet, der Dosierprozesse schon umgesetzt hat, bekommt eine Zelle, die vom ersten Tag an messbar spart.

Passt eine Dosierzelle zu Ihrem Produkt?

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Häufige Fragen

Welche Klebstoffe und Dichtmittel kann ein Cobot dosieren?

Grundsätzlich fast alle gängigen Medien: 1K- und 2K-Klebstoffe, Dichtmittel, Vergussmassen, Fette und Öle. Entscheidend ist nicht der Roboter, sondern das passende Dosiersystem. Viskosität, Topfzeit und Abrasivität des Mediums bestimmen, ob ein Zeit-Druck-Ventil, eine Exzenterschneckenpumpe oder ein Kolbendosierer die richtige Wahl ist.

Was kostet eine Cobot-Dosierzelle?

Eine schlüsselfertige Dosierzelle liegt im Mittelstand meist zwischen 60.000 und 130.000 Euro. Der Cobot selbst ist nur ein Teil davon. Das Dosiersystem, die Materialversorgung, Vorrichtungen und die Integration machen den Rest aus. 2K-Anlagen mit Misch- und Spülsystem liegen am oberen Ende der Spanne.

Woher kommt die Einsparung beim automatisierten Dosieren?

Aus drei Quellen: Der Roboter trägt eine konstante Raupe auf und verbraucht dadurch in der Praxis oft spürbar weniger Material als der Handauftrag. Nacharbeit und Ausschuss durch Lücken oder zu dicke Raupen sinken. Und der Mitarbeiter, der bisher Raupen gezogen hat, kann wertschöpfender eingesetzt werden.

Braucht eine Dosieranwendung ein Vision-System?

Nur wenn die Bauteillage oder die Fügegeometrie schwankt. Liegen die Teile reproduzierbar in einer Vorrichtung, reicht eine geteachte Bahn. Bei toleranzbehafteten Teilen, gekrümmten Freiformflächen oder wechselnder Anlieferung korrigiert ein Vision-System oder ein Lasersensor die Bahn und hält die Raupe auf der Fügekante.

Gibt es Förderung für eine Dosierzelle?

Direkte Investitionszuschüsse wie Digital Jetzt oder go-digital sind Ende 2024 ausgelaufen. Aktuell relevant sind der KfW ERP-Förderkredit für Digitalisierung und Automatisierung sowie die BAFA-Beratungsförderung, die die Konzeptphase bezuschusst und noch bis Ende 2026 läuft. Wichtig ist die Regel: Antrag immer vor Maßnahmenbeginn stellen, sonst entfällt die Förderung.

Maximilian Knopp
Co-Founder Robofolio. Über 10 Jahre Führungserfahrung in Robotik und Software (u.a. Universal Robots, Siemens, Blue Ocean Robotics, Lufthansa Technik). Robofolio macht Robotik-Wissen für den Mittelstand zugänglich.